Marcel Mauss beschreibt Menschen als Wesen, die ständig in Austausch stehen, weil jede Gesellschaft sich über Gesten, Verpflichtungen, Zeichen und Weitergaben organisiert. Nichts entsteht isoliert. Jede Handlung trägt Spuren anderer Handlungen in sich. Judith Butler verschiebt diesen Gedanken in Richtung Körper und Identität. Auch das Selbst entsteht für sie durch Wiederholung, durch Sprache und gesellschaftliche Zuschreibungen, die sich in Bewegungen, Rollen und Erwartungen einschreiben. Der Mensch erscheint darin nie als völlig frei, aber ebenso wenig als bloßes Produkt seiner Umgebung. Genau diese Spannung interessiert mich in meiner neuen Serie qalam, die derzeit in den wARTe-Schauflächen an der Straßenbahnhaltestelle Karlsplatz hängt.

qalam ist Arabisch und bedeutet Feder oder Stift. Und ein Stift hinterlässt immer mehr als Schrift. Er zieht Linien durch Erinnerungen, durch Körper und durch Beziehungen. Er markiert Zugehörigkeit und ordnet Erfahrungen. Und manchmal erzeugt er genau dort Druck, wo Menschen beginnen, sich gegen eine vorgezeichnete Form zu bewegen.

„Die Feder ist gehoben und die Tinte ist getrocknet.“ Dieser letzte Satz aus einer Überlieferung von Imam an-Nawawi zieht sich durch die Serie unter den Bildern. Er spricht von Vorherbestimmung und davon, dass etwas bereits eingeschrieben wurde, bevor wir überhaupt beginnen, unser Leben bewusst wahrzunehmen. Mich beschäftigt daran die Reibung zwischen Schicksal und Handlungsmacht - zwischen Linien, die schon existieren, und der menschlichen Sehnsucht, selbst Spuren zu hinterlassen.

Die 11 neuen Poster für die wARTe-Schauflächen kreisen um diese Bewegung. Hände tauchen auf den Bildern auf, angeschnitten und fragmentiert, als würden sie sich gerade zwischen Kontrolle und Loslassen befinden. Dazwischen verlaufen Fäden und vertikale Spuren, die an textile Techniken erinnern und gleichzeitig wie Datenströme oder Nervensysteme wirken. Manche Linien scheinen etwas zusammenzuhalten, andere schneiden durch die Bilder wie Entscheidungen, die längst gefallen sind und dennoch weiterarbeiten.

Die Puzzleteile verschieben diese Gedanken in die Gegenwart hinein. Sie tragen etwas Vertrautes in sich, gleichzeitig aber auch eine Härte, weil jedes Puzzle voraussetzt, dass irgendwo ein fertiges Bild existiert, dem man sich annähern soll. Genau darin liegt für mich eine gesellschaftliche Erfahrung. Menschen bewegen sich durch Erwartungen von Familie, Religion, Geschlecht, Herkunft oder Liebe und versuchen dabei ständig, Kohärenz herzustellen, obwohl das eigene Leben oft aus Brüchen, Überlagerungen und widersprüchlichen Erfahrungen besteht.

qalam trägt deshalb auch eine Form von Widerständigkeit in sich. Kreativität wurde mir lange untersagt, weil Kunst in manchen religiösen Vorstellungen zu nah an der Idee von Schöpfung liegt. Das eigene Bild, die eigene Stimme, der eigene Ausdruck wirkten dadurch schnell wie etwas, das begrenzt oder erklärt werden musste. Wenn ich heute arbeite, dann begleitet mich diese Erfahrung weiterhin. Sie liegt unter den Bildern wie eine zweite Haut. Kunst machen bedeutet für mich deshalb auch, Raum einzunehmen und Bilder entstehen zu lassen, obwohl bereits so vieles über einen festgelegt scheint.

Die Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz verschärft diese Fragen zusätzlich. Die Maschine arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und folgt Regeln mit einer Konsequenz, die manchmal beinahe schicksalhaft wirkt. Gleichzeitig entstehen in diesem Prozess Momente, in denen etwas kippt. Bedeutungen verrutschen und Bilder öffnen plötzlich Räume, die vorher nicht sichtbar waren. Genau dort beginnt für mich etwas Interessantes: Systeme zeigen ihre eigene Instabilität.

Mehr Informationen zu Christine Ebner findest du auf ihrer Homepage (die - immer noch - wirklich dringend ein Update benötigt) oder most up-to-date auf instagram unter @stepandshoulders
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